Wer fliegen will, muss fliegen dürfen — und das beginnt mit der Gesundheit. Das flugmedizinische Tauglichkeitszeugnis (Medical Certificate) ist für jeden lizenzierten Piloten Pflicht. Es gibt verschiedene Klassen, unterschiedliche Anforderungen und einen klaren Prozess — der für viele angehende Piloten eine Blackbox ist.

Drei Klassen, drei Anforderungen

EASA Medical-Klassen im Überblick

KlasseFürGültigkeitKosten
Klasse 1CPL, ATPL, IR (kommerziell)12 Monate (unter 40 J.); 6 Monate (über 40 J., Linie)300–600 EUR
Klasse 2PPL, LAPL (mit Einschränkungen), Night Rating60 Monate unter 40 J.; 24 Monate 40–50 J.; 12 Monate über 50 J.150–300 EUR
LAPL MedicalLAPL (Light Aircraft Pilot Licence)60 Monate unter 40 J.; 24 Monate über 40 J.80–150 EUR

Was wird bei Klasse 1 untersucht?

Die Klasse-1-Untersuchung ist die umfangreichste und wird ausschließlich durch EASA-zugelassene Aeromedical Centers (AeMC) durchgeführt — in Deutschland z.B. beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Hamburg oder beim Institut für Luft- und Raumfahrtmedizin in Köln.

  • Internistische Untersuchung: EKG (Ruhe, Belastung), Blutbild, Urinbefund, Blutdruck
  • Augen: Sehschärfe, Farbsehen, Gesichtsfeld, Tiefensehen, Kontrastsehen
  • HNO: Hörtest (Audiogramm), Gleichgewicht, Nase, Rachen
  • Neurologische Basisuntersuchung
  • Psychiatrische Einschätzung
  • Röntgen-Thorax (bei Erstuntersuchung)
  • Lungenfunktionstest
Klasse 2 wird durch zugelassene Aviation Medical Examiners (AME) durchgeführt — niedergelassene Ärzte mit EASA-AME-Zulassung. Der Untersuchungsumfang ist ähnlich, aber weniger umfangreich als Klasse 1. Viele Allgemeinmediziner oder Internisten sind als AME zugelassen.

Häufige Ausschluss- und Einschränkungsgründe

Nicht jeder medizinische Befund führt automatisch zur Untauglichkeit. EASA unterscheidet zwischen absoluten Ausschlussgründen (sehr selten) und beurteilungspflichtigen Befunden:

  • Sehschärfe: Korrigiertes Visus muss bei Klasse 1 mindestens 6/6 (1,0) auf dem besseren und 6/9 auf dem schlechteren Auge erreichen. Brillen und Kontaktlinsen sind erlaubt.
  • Farbsehen: Bestimmte Farbsehdefizienzen schließen Klasse 1 aus (kein Farbunterscheidungstest bestanden). Für Klasse 2 gibt es Ausnahmen (mit Einschränkungen).
  • Herzerkrankungen: Viele kardiovaskuläre Erkrankungen können mit Einschränkungen (OSL — "Operational Safety Limitations") trotzdem tauglich sein. Z.B.: Hypertonie mit medikamentöser Einstellung ist oft kein Ausschlussgrund.
  • Diabetes: Insulin-behandelter Diabetes war früher Ausschlussgrund — heute unter strengen Auflagen (Monitoring, kein Alleinflug) oft möglich.
  • Psychiatrische Erkrankungen: Depression oder Angststörungen schließen nicht automatisch aus — aber Transparenz ist Pflicht.
Niemals lügen beim Medical. Eine falsche Angabe im Medical-Formular ist nicht nur unethisch — sie ist strafbar und führt bei Entdeckung zur sofortigen Lizenzentziehung und möglicherweise strafrechtlichen Konsequenzen. Viele Erkrankungen, die Piloten für ausschließend halten, sind es gar nicht — sprechen Sie erst mit einem AME, bevor Sie etwas verschweigen.

Was passiert bei Untauglichkeit?

Eine Untauglichkeitsentscheidung ist kein endgültiges Urteil. EASA hat einen strukturierten Widerspruchsprozess:

  • Widerspruch beim nationalen Luftfahrtamt (LBA, Austro Control, BAZL) innerhalb von 30 Tagen
  • Zweitmeinung durch ein anderes AeMC beantragen
  • EASA Medical Appeals Board als letzte Instanz

Alternativ: Wer mit einer EASA-Lizenz nicht tauglich ist, kann unter bestimmten Umständen eine FAA Third-Class Medical erhalten — da FAA und EASA unterschiedliche Standards haben. Das erlaubt dann zumindest das Fliegen N-registrierter Flugzeuge in den USA (BasicMed seit 2017 ist hierbei besonders interessant).

Das Aviation Medical ist kein Hindernis — es ist ein Sicherheitssystem zum Schutz aller. Die allermeisten angehenden Piloten bestehen ohne Probleme. Wer vorerkrankte Befunde hat, sollte vor der Ausbildungsinvestition eine informelle Vorabbeurteilung durch einen AME einholen — das kostet wenig und gibt Klarheit.

Für Airvalon-Kunden, die gerade den Einstieg in die Luftfahrt planen: Wir empfehlen, das Medical als allererstes zu klären — noch vor der Flugschulwahl und dem Flugzeugkauf. Es ist die Grundvoraussetzung für alles andere.